WIE WEIBLICH IST DIE KUNST?
Dora Hitz (1853–1924), In den Rosen, vor 1913, Öl auf Leinwand, 63 × 95 cm, © Museum Wiesbaden, Foto: Bernd Fickert
Der männliche Künstler: das Genie
Kunst von Frauen ist in Museen und auf dem Kunstmarkt immer noch unterrepräsentiert. Lange war den Männern das Künstlertum vorbehalten. Frauen war es nicht erlaubt, Kunstakademien zu besuchen und sie waren von der Kunst, wie auch von anderen Arbeitsbereichen, strukturell ausgeschlossen. Erst vor rund 100 Jahren wurden die ersten Frauen auf Kunsthochschulen zugelassen. Doch die Vorstellung des männlichen Künstlers als Genie hält sich bis heute.
Dies belegen auch Daten des Statistischen Bundesamtes. Im Jahr 2019 waren rund 123.300 Personen in Deutschland in einem Beruf der Bildenden Kunst tätig. 53% dieser Erwerbstätigen waren Frauen. Ein Drittel dieser Gruppe sind der untersten Gehaltsklasse mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 1 .100 Euro zuzuordnen. Der Frauenanteil dieser Gruppe lag 2019 bei 60%.
Neben dem Gender-Pay-Gap gibt es in der Kunst auch den Gender-Show-Gap. Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg einer Künstlerin und eines Künstler ist die Sichtbarkeit. Im Ausstellungsbetrieb wird Künstlerinnen in viel geringerem Maße die Chance ermöglicht, ihre Arbeiten zu sehen.
Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900
Das Städel Museum widmet sich in der aktuellen Ausstellung „FRAUEN” ihrer Rolle in der Moderne um 1900. Das Museum zeigt rund 80 Gemälde und Skulpturen von insgesamt 26 Künstlerinnen. Von Paris und Frankfurt aus knüpften Künstlerinnen internationale Verbindungen und unterstützten sich gegenseitig. Als einflussreiche Lehrerinnen und Kunstagentinnen prägten einige von ihnen auch die Geschichte des Städel Museums und der Städelschule.
„Wir stellen diese Künstlerinnen mit ihren individuellen Leistungen vor und machen ihre weitverzweigten Netzwerke sichtbar, mit denen sie sich gegenseitig unterstützten und förderten. Es ist eine Ausstellung über die Selbstermächtigung von Künstlerinnen, die zu ihrer Zeit keine Ausnahmeerscheinungen waren.”
So beschreiben Alexander Eiling, Eva-Maria Höllerer und Aude-Line Schamschula, Kuratoren der Ausstellung im Städel Museum, den wichtigen Beitrag von Künstlerinnen der Moderne.
Unter den gezeigten Arbeiten befinden sich Kunstwerke aus renommierten US-amerikanischen und europäischen Museen sowie zahlreiche Arbeiten aus Privatbesitz, die zum ersten Mal gezeigt werden. Ergänzt werden sie durch bislang unveröffentlichtes Archivmaterial. Fotografien und Briefe erzählen von internationalen Ateliergemeinschaften, von der strategischen Bedeutung professioneller Künstlerinnenverbände, von Erfolgen, aber auch vom andauernden Streben um Anerkennung.
Die Ausstellung legt einen besonderen Fokus auf die Netzwerke der Künstlerinnen und zeigt ein komplexes Bild der damaligen Ausbildungs- und Arbeitssituation. Von den Wegbereiterinnen im Paris der 1880er-Jahre über die ersten Bildhauerinnen an der Kunstschule des Städel um 1900 bis hin zu einer jungen selbstbestimmten Generation von Künstlerinnen im Neuen Frankfurt der 1920er- und 1930er-Jahre. Die Ausstellung zeigt Künstlerinnen, die sich mit großer Eigenständigkeit und Professionalität in einem durch männliche „Künstlergenies“ geprägten Kulturbetrieb durchsetzten.
Ottilie W. Roederstein mit ihren Schülerinnen und Schülern im Städelschen Kunstinstitut, um 1898, Fotografie Roederstein-Jughenn-Archiv im Städel Museum Frankfurt am Main
Mathilde Battenberg, Ottilie W. Roederstein und Ida Gerhardi (v. l. n. r.) in Roedersteins Pariser Atelier, Boulevard du Montparnasse 108, Fotografie, Mai 1904, Stadtarchiv Hofheim am Taunus, Best. Jughenn-Archiv
Frauenkunst?
Die stilistisch sehr unterschiedlichen Arbeiten zeigen die Vielfalt weiblicher Positionen in der Kunst und spiegeln die radikalen gesellschaftlichen und ästhetischen Umbrüche dieser Zeit wider. In ihren Werken setzen sich die Malerinnen und Bildhauerinnen mit ihrer eigenen Existenz als Künstlerinnen in einem männlich dominierten Umfeld auseinander. Sie zeigen sich selbstbewusst im Kreis ihrer Freundinnen und Mitstreiterinnen und stellen die überkommenen Geschlechterrollen infrage. Mit Darstellungen des menschlichen Aktes beanspruchen sie sogar einen zuvor den Männern vorbehaltenen Motivkomplex für sich. Dabei bedienen sie sich nicht nur der Malerei und Zeichnung, sondern eroberten zunehmend auch die Bildhauerei, die aufgrund der physischen Anstrengung sowie der technischen und materiellen Anforderungen als vermeintlich „männlichste“ Gattung der Kunst galt.
Doch so sehr sich die Arbeiten mit dem Bild der Frauen in der Gesellschaft auseinandersetzen, so werden sie auch gleichzeitig mit Vorurteilen behaftet und als Frauenkunst verkannt.
Wandten sich Künstlerinnen in ihren Werken Szenen des täglichen Lebens wie Mutter-Kind-Darstellungen oder Interieurs zu, wurden ihre Motive als „typisch weiblich“ deklariert. Eine solch klischeehafte Wertung verstellt jedoch den Blick darauf, dass es Künstlerinnen wie Martha Stettler oder Dora Hitz bei der Bearbeitung dieser Themen vorrangig um die Auseinandersetzung mit formalen und stilistischen Problemen ging: um die Darstellung von Lichtphänomenen oder die Erprobung eines expressiven, dynamischen Malstils.
Ida Gerhardi (1862–1927), Tanzbild VIII (Can-Can-Tänzerinnen bei Bullier), um 1904, Öl auf Pappe, 31 × 49 cm, © Galerie der Stadt Lüdenscheid, Foto: Steffen Schulte-Lippern
Olga Boznańska (1865–1940), Interieur, 1906, Öl auf Karton, 50,5 × 73 cm, Nationalmuseum Krakau, Schenkung von Feliks „Manggha“ Jasieński, 1920, © laboratory Stock National Museum in Krakow
Die Ausbildung von Künstlerinnen in Frankfurt
Die Kunstschule des Städelschen Kunstinstituts nahm bereits seit 1869 auch Frauen in einem separaten „Damenatelier“ für Malerei auf. Der Stifter, Johann Friedrich Städel, hatte testamentarisch bestimmt, dass die Städelschule für alle Kinder der Frankfurter Bürgerinnen und Bürger „ohne Unterschied des Geschlechts“ zugänglich sein sollte. Die Städelschule war eine der ersten öffentlichen Institutionen in Deutschland, die Frauen eine professionelle künstlerische Ausbildung offerierte.
1893 wurde dieses Lehrangebot jedoch für ein Jahrzehnt eingestellt. Eine größere Anzahl von Studentinnen fand sich daraufhin in den privat geführten Städelateliers von Ottilie W. Roederstein und Wilhelm Trübner ein. Ab 1904 ermöglichte die Städelschule Frauen schließlich einen gleichberechtigten Zugang in alle Klassen und nahm damit eine Vorbildfunktion für die Künstlerinnenausbildung in Deutschland ein.
In den 1920er-Jahren erhielten Frauen das Wahlrecht und Künstlerinnen wurde deutschlandweit gleichberechtigter Zugang zu staatlichen Kunstakademien gewährt. In Frankfurt war es auch die Zeit des „Neuen Frankfurt“, eine Zeit der gesellschaftlichen und städtebaulichen Erneuerung.
Die Städelschule wurde 1923 mit der Frankfurter Kunstgewerbeschule fusioniert und erfuhr eine grundlegende Umgestaltung. Das neue Gemeinschaftsinstitut wurde nach dem Vorbild des Bauhauses in Weimar strukturiert und verband freie Kunst und Kunsthandwerk.
Die Frankfurterin Erna Auerbach studierte in der Klasse für Freie Malerei bei Johann Vincenz Cissarz. Darüber hinaus wurden sogenannte Meisterklassen eingeführt, die von prominenten Künstlerpersönlichkeiten geleitet wurden. 1925 übernahm Max Beckmann eine Meisterklasse im Fachbereich Malerei.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 markierte das Ende der neuen Frankfurter Kunstgewerbeschule. Das Regime erklärte die emanzipierte „Neue Frau“ der 1920er-Jahre ebenso zum Feindbild wie die unabhängige Künstlerin. Damit war in Frankfurt eine Phase der liberalen Künstlerinnenausbildung für lange Zeit vorbei.
Erna Auerbach (1897–1975), Bildnis einer Frau in Schwarz (Selbstporträt), 1932, Öl auf Leinwand, 67 x 50 cm, Historisches Museum Frankfurt, Foto: Horst Ziegenfusz
Zu den Künstlerinnen der Ausstellung zählen Erna Auerbach, Eugenie Bandell, Mathilde Battenberg, Helene von Beckerath, Hanna Bekker vom Rath, Marie Bertuch, Olga Boznańska, Louise Catherine Breslau, Tola Certowicz, Inge Dinand, Ida Gerhardi, Dora Hitz, Pauline Kowarzik, Anna Krüger, Rosy Lilienfeld, Else Luthmer, Marg Moll, Marie-Louise von Motesiczky, Elizabeth Nourse, Maria Petrie, Ottilie W. Roederstein, Louise Schmidt, Madeleine Smith, Annie Stebler-Hopf, Martha Stettler und Alice Trübner.
Die Ausstellung „FRAUEN” ist vom 10.7. bis 27.10.2024 im Städel Museum in Frankfurt zu sehen.
Louise Breslau (1856–1927), Jeune femme et chrysanthèmes – Porträt von Mina Carlson-Bredberg, 1890, Öl auf Leinwand, 95 x 91,5 cm, Privatbesitz, Zürich, Foto: Kulturmuseum St. Gallen, Michael Elser