KUNST IM FRANKFURTER BAHNHOFSVIERTEL
Foto: Adobe Stock, Bahnhof Frankfurt am Main
DER STADTTEIL, DER FRANKFURT ZUR METROPOLE MACHT
Über das Frankfurter Bahnhofsviertel wurde bereits viel geschrieben und diskutiert. Der Ruf des ehemaligen Gründerzeitviertels eilt der Stadt voraus, vom einst prächtigen Wohnquartier hin zum Problemviertel. Doch auch in diesem multikulturellen Stadtteil befinden sich Galerien, die sich in der Niddastraße niedergelassen haben. Ich nehme dich heute mit in das bunte Viertel zwischen internationalen Restaurants, Künstlerateliers, Hotels, traditionsreichen Fachgeschäften und Läden aus aller Welt.
Wer Frankfurt mit dem Zug erreicht, hat es zu den Galerien im Bahnhofsviertel nicht weit. Sie nutzen die Nähe zueinander und eröffnen gemeinsam Ausstellungen und laden zu Neujahrs- und Frühlingsempfängen auch an Sonntagnachmittagen in ihre Räume ein.
RUNDGÆNGER & SCHIERKE SEINECKE
RUNDGÆNGER ist der Name der ersten Galerie in der Niddastraße 63, die Daniel Schierke und Ralf Seinecke 2015 in Frankfurt geründet haben. Der Name RUNDGÆNGER geht dabei auf das Konzept der Galerie zurück: Im Fokus des Programms stehen junge Künstlerinnen und Künstler, die gerade ihr Studium an einer Kunsthochschule abgeschlossen haben. Entdeckt haben die beiden Galeristen sie während der jährlichen Ausstellungen der Kunsthochschulen, den sogenannten „Rundgängen“.
Daniel Schierke studierte Kunst- und Literaturgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt und arbeitete für die wichtigsten Museen und Kunstinstitutionen Frankfurts, wie unter anderem das Städel Museum, das Museum für Moderne Kunst — MMK oder das Art Foyer der DZ Bank. Ralf Seinecke studierte Rechtswissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte und promovierte in Rechtstheorie. Unter dem Namen SCHIERKE SEINECKE zeigen die beiden Galeristen seit 2017 weitere junge und internationale Künstlerinnen und Künstler, die über alle Medien hinweg arbeiten.
LAURA ABERHAM, GLOWING STEAM
Die Künstlerin Laura Aberham (*1994) zeigt ihre dritte Einzelausstellung in der Galerie SCHIERKE SEINECKE und verwandelt die weißen Räume in ein dynamisches und farbintensives Farbspektakel. Ihre Malerei ist eine Hommage an die reine Farbe. Mit voluminösen Pinselstrichen bringt sie in vielen Schichten ungewöhnliche Farbkonstellationen auf die Leinwand. Neu ist die Vielzahl an geometrischen Formen, die jetzt in einen reizvollen Kontrast zu ihren freieren Malgesten treten. Wohin man auch blickt, es gibt keinen Stillstand. Dennoch sind ihre Bilder nicht überwältigend, sondern imposant. Alles scheint sich ständig zu verändern und strahlt dennoch eine angenehme Ausgewogenheit aus. Die Künstlerin lebt in Düsseldorf und studierte an der Kunstakademie Düsseldorf in der Klasse von Jürgen Drescher und Katharina Grosse und schloss ihr Studium als Meisterschülerin von Ellen Gallagher ab.
Laura Aberham, Glowing Steam, Ausstellungsansichten. Foto: Schierke Seinecke
Laura Aberham, Glowing Steam, Ausstellungsansichten. Foto: Schierke Seinecke
Laura Aberham, Glowing Steam, Ausstellungsansichten. Foto: Schierke Seinecke
Laura Aberham, Glowing Steam, Ausstellungsansichten. Foto: Schierke Seinecke
DAVID BENEDIKT WIRTH
Nebenan, in der Galerie RUNDGÆNGER, wartet die erste Einzelausstellung des Malers David Benedikt Wirth auf uns. Wir tauchen ein in eine Welt aus Löwen, Schiffswracks und Wetterkarten. Auf fotorealistische Weise malt David Benedikt Wirth Bilder nach, die mit technischen Hilfsmitteln wie Ultraschall, Satelliten oder Infrarot entstanden sind. Dabei geht es ihm nicht um das bloße Imitieren dieser Bilder, sondern ihn beschäftigt die Frage nach der Bildwürdigkeit von Bildern. Bilder, die zunächst zur Informationsvermittlung dienen werden zur Malerei.
David Benedikt Wirth wurde 1988 in Fulda geboren, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Eberhard Havekost und lebt in Düsseldorf and Berlin. In seiner künstlerischen Praxis greift er auf sein eigenes Bildarchiv zurück, um Themen aus Gesellschaft und Kultur zu erforschen. Er betrachtet in seinen Arbeiten die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt: alles, was uns verbindet und zusammenhält. Seine Werke fesseln den Blick des Betrachters und fordern uns heraus, das Unvorhergesehene zu verstehen, das in ihnen steckt.
David Benedikt Wirth, Diana, 2024, Öl auf Leinwand, 50 x 74 cm
David Benedikt Wirth, Sturm I, 2025, Öl auf Leinwand, 45 x 75 cm
BERNHARD KNAUS FINE ART
Nur fünf Minuten Fußweg entfernt, in der Niddastraße 84, befinden sich ebenfalls zwei Galerieräume. Bernhard Knaus Fine Art bespielt Räume im ersten Obergeschoss des Gründerzeithauses. 2001 in Mannheim gegründet zog die Galerie im Sommer 2007 nach Frankfurt am Main und lies sich im Bahnhofsviertel wieder. Ihr Programm setzt einen besonderen Fokus auf Fotografie, umfasst aber auch die Bereiche Malerei, Zeichnung, Skulptur, Installation und Video. Die Galerie vertritt mittlerweile 22 Künstlerinnen und Künstler. Neben dem käuflichen Erwerb einer eigenen Kunstsammlung bieten bietet Bernhard Knaus auch die Möglichkeit, Kunstwerke zu Mieten und damit eine steuerlich attraktive Möglichkeit der Ausstattung von Unternehmen mit Kunstwerken, da die monatlichen Mietzahlungen als Ausgaben abgesetzt werden können.
THOMAS WREDE, WEISS WAR DER SCHNEE
Die Galerie Bernhard Knaus Fine Art präsentiert ihre erste Einzelausstellung mit Werken aus dem Glacier Project des Fotografen Thomas Wrede. Das Projekt begann 2017 mit ersten Aufnahmen des Schweizer Rhonegletschers und umfasst großformatige Panoramen sowie Außen- und Innenansichten von Gletscherhöhlen. Es basiert auf dem Konzept der verpackten Landschaft: Um das rapide Abschmelzen der Gletscher zu verlangsamen, werden große Eisflächen – temporär oder auch dauerhaft – mit Vlies abgedeckt. Thomas Wredes Detailaufnahmen zeigen die verwitterten Abdeckungen, die Geröll und schmutzigen Schnee freilegen. Die morbide Ästhetik der Falten, die gewählten Ausschnitte und die vielfältigen Grautöne ergeben dabei einzigartige malerische Motive.
Der Titel WEISS WAR DER SCHNEE weist auf die verlorene Reinheit der weißen Schneelandschaften hin. Der engagierte Künstler besteigt Gletscher, um die bedrohte Schönheit und Fragilität des Eises festzuhalten: „Ich will Bilder zwischen Dokumentation und subjektivem Sehen finden, die die Spuren der Klimakrise und die rapiden Veränderungen mitten in Europa sichtbar werden lassen.”
Thomas Wrede, Rhonegletscher outside #1, 2019, Gletscher, Pigmentdruck auf Fine Art Paper, 150 x 100 cm, Auflage 5 + 2 AP
Thomas Wrede, Rhonegletscher inside # 21, 2019, Gletscher, Pigmentdruck auf Fine Art Paper, 46 x 33 cm, Auflage 17 + 3 AP
KAI MIDDENDORFF GALERIE
Im Hinterhof der gleichen Adresse befindet sich die KAI MIDDENDORFF GALERIE. Ein Jahr nach Bernhard Knaus, 2008, eröffnete die Galerie im Gebäude einer ehemaligen Autofabrik aus dem Jahr 1900 im Bahnhofsviertel.
Die Galerie präsentiert eine neue Werkreihe des Künstlers Ekrem Yalçındağ, die Holz- und Siebdrucktechniken in innovativer Weise kombiniert. Die feinen Linien seiner pastosen Malerei verschmelzen harmonisch mit der natürlichen Maserung des Holzes, wodurch ein spannungsreiches Wechselspiel zwischen organischer Struktur und präziser Komposition entsteht.
Ergänzt wird dieses Zusammenspiel durch dynamische, per Siebdruck aufgebrachte Motive, die gestisch und spontan anmuten. So entwickelt Yalcindag eine zeitgenössische Formensprache, die westliche Minimal Art mit traditionellen orientalischen Ornamenten verknüpft und den Betrachter in einen Dialog zwischen Handwerk, Materialität und künstlerischer Idee eintauchen lässt.
Installationsansichten Galerie Kai Middendorff 2023
ZWISCHEN TRADITION UND MODERNE
Ekrem Yalçındağ (*1964) verbindet in seinen Werken moderne abstrakte Malerei mit tief verwurzelten orientalischen Kunsttraditionen. Der in Istanbul, Wien und Frankfurt am Main lebende Künstler entwickelte seine unverwechselbare Bildsprache bereits vor rund 20 Jahren als Student von Hermann Nitsch und Thomas Bayrle an der Städelschule in Frankfurt. Sein minutiös ausgeführter Farbauftrag mit einem Pinsel der Stärke null erfordert ein hohes Maß an Präzision und Geduld. Das Ergebnis ist eine reliefartige Oberfläche, die aus unzähligen kleinen Farbfeldern besteht und eine faszinierende optische Tiefe erzeugt.
Der Künstler erlangte Bekanntheit durch seine runden Leinwände und ornamentalen Pinselstriche, die er in seiner Tondo-Serie entwickelte. Diese Werke sind eine bedeutende Erweiterung der westlichen Farbfeldmalerei, während sie gleichzeitig auf kulturellen Traditionen der Türkei basieren. Insbesondere knüpfen sie an den verbreiteten Brauch an, blau-weiße Rundbilder oder runde Glasamulette – bekannt als das Auge Fatimas – als Schutzsymbole in Wohnräumen aufzuhängen. Yalçındağ verbindet in seinen Arbeiten kunsthistorische Referenzen mit tief verwurzelten Symbolen des kulturellen Alltags und erschafft so eine einzigartige visuelle Sprache.
Ekrem Yalçındağ, RED – BLUE, 2024, Öl auf Leinwand, 100 cm Durchmesser
Ekrem Yalçındağ, VIOLET – GREEN, 2024, Öl auf Leinwand, 100 cm Durchmesser
ENTDECKE FRANKFURTS GALERIESZENE
Kunst zu erleben und darüber zu sprechen ist meine Leidenschaft – und genau diese Begeisterung möchte ich weitergeben. Die weißen Galerieräume, der typische „White Cube“, können manchmal etwas einschüchternd wirken. Doch ich zeige dir, dass es sich lohnt, die Türen zu öffnen, mit Galeristinnen und Galeristen ins Gespräch zu kommen und die Geschichten hinter den Kunstwerken zu entdecken. Begleite mich auf einer Galerie Tour und wir werfen gemeinsam einen Blick hinter die Kulissen des Kunstbetriebs.