DIE ENTDECKUNG VON ÉTRETAT
Étretat in der Normandie. Foto: Adobe Stock
SEHNSUCHTSORT AN DER ATLANTIKKÜSTE
Die steilen Kreidefelsen von Étretat in der Normandie ragen wie natürliche Skulpturen aus dem Atlantik. Formationen wie die Porte d’Amont, Porte d’Aval oder die Manneporte prägen die Küstenlinie der Normandie und wurden im 19. Jahrhundert zu einem Projektionsraum für Kunstschaffende und Literaten. Die Landschaft, gleichermaßen rau und poetisch, zog zahlreiche Maler an, die hier neue Bildmotive und Perspektiven suchten. Aus dem abgelegenen Fischerdorf an der Atlantikküste wurde so ein Ort, der weit über Frankreich hinausstrahlte. Mit der zunehmenden touristischen Erschließung um die Mitte des 19. Jahrhunderts wandelte sich Étretat zu einem beliebten Reiseziel. Künstler, Intellektuelle und das Pariser Bürgertum trafen hier aufeinander. Ein Ort zwischen Rückzug und Öffentlichkeit.
„Der Küstenort mit seinen markanten Felsentoren und dem einzigartigen Licht fasziniert Künstler seit dem 19. Jahrhundert und hat bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren. In Étretat entwickelte Claude Monet seine berühmten Motivreihen, die den Impressionismus entscheidend prägten.“ — Philipp Demandt, Direktor, Städel Museum
Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
MONETS KÜSTE
Das Städel Museum versammelt in der Ausstellung Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat rund 170 Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und historische Dokumente aus bedeutenden französischen, deutschen und internationalen Museen sowie aus Privatsammlungen. Allein 24 Arbeiten stammen von Claude Monet und geben einen unmittelbaren Einblick in seine Auseinandersetzung mit Étretat.
Der Küstenort wurde im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Ausgangspunkt für eine neue Form der Malerei, die später als Impressionismus in die Kunstgeschichte einging. Im Zentrum stand die markante Landschaft mit ihren steilen Klippen, die zugleich als schön und unberechenbar wahrgenommen wurde. Künstler und Schriftsteller reisten nach Étretat und trugen dazu bei, den Ort weit über Frankreich hinaus bekannt zu machen.
Mit der wachsenden Popularität entwickelte sich Étretat zu einem Treffpunkt verschiedener Disziplinen. Gustave Courbet malte hier seine Wellenbilder, Guy de Maupassant prägte den Ort literarisch, und die von Maurice Leblanc geschaffene Figur Arsène Lupin machte Étretat zu einem mythischen Schauplatz.
Für Monet wurde die Küste mit ihren Felsformationen zu einem wiederkehrenden Motiv. Die sich ständig verändernden Licht- und Wetterverhältnisse führten ihn dazu, Motivreihen zu entwickeln, in denen er ein und denselben Ort immer wieder neu untersuchte. Diese Arbeitsweise wurde zu einem zentralen Element seines künstlerischen Schaffens.
Die Ausstellung vereint darüber hinaus Werke von Eugène Delacroix, Henri Matisse sowie weiteren Positionen von Johann Wilhelm Schirmer über Camille Corot und Eugène Boudin bis hin zu Elger Esser. Gemeinsam verdeutlichen sie die anhaltende Faszination, die dieser Ort bis heute ausübt.
Eugène Le Poittevin, Seebad in Étretat, 1866, Öl auf Leinwand, 66,5 x 152 cm, Musée des Beaux-Arts et d’Archéologie, Troyes, Foto © Carole Bell, Ville de Troyes
Claude Monet, Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval, 1885, Öl auf Leinwand, 65,1 x 81,3 cm, Clark Art Institute, Williamstown, acquired by Sterling und Francine Clark, 1933, Foto © The Clark Art Institute
Gustave Caillebotte, Mann im Arbeitskittel (auch: Père Magloire auf dem Chemin de Saint-Clair in Étretat), 1884, Öl auf Leinwand, 65 x 54 cm, Privatsammlung, © Bridgeman Images
VON DER MALEREI IN DIE GEGENWART
Was im 19. Jahrhundert mit Malerei und Literatur begann, setzt sich heute in anderer Form fort. Étretat ist längst Teil einer globalen Bildkultur geworden. Einen entscheidenden Anteil daran hat die Serie Lupin, die den Ort einem internationalen Publikum erneut vor Augen geführt hat. Als Schauplatz der Geschichten rund um Arsène Lupin ist Étretat heute Ziel für tausende Besucherinnen und Besucher täglich. Die ikonischen Felsformationen sind zu wiedererkennbaren Bildern geworden, die sich immer weiter verbreiten.
Mit dieser Sichtbarkeit verändern sich auch die Bedingungen vor Ort. Das kleine Küstendorf gerät zunehmend an seine Grenzen. Infrastruktur, Naturraum und Alltag treffen auf einen stetig wachsenden Besucherstrom. Étretat steht exemplarisch für Orte, die zwischen kultureller Bedeutung, medialer Präsenz und touristischer Nutzung stehen.
Vom 19. März bis 5. Juli 2026 widmet sich das Städel Museum diesem Spannungsfeld. Die Ausstellung zeichnet nach, wie Étretat vom realen Landschaftsraum zum künstlerischen Mythos wurde und eröffnet zugleich einen Blick auf seine gegenwärtige Situation.
Seit über 150 Jahren zieht es Menschen an diesen Ort. Was einst als Rückzugsort begann, ist heute einem stetigen Wandel unterworfen. Die Steilküste zeigt Spuren von Erosion und die Folgen klimatischer Veränderungen werden sichtbar. Die Ausstellung nimmt diese Entwicklungen auf und versteht Étretat als einen Ort im Übergang, zwischen historischer Bildfindung und gegenwärtiger Realität, zwischen Anziehungskraft und Fragilität.
Étretat in der Normandie. Foto: Adobe Stock