VERBORGENE GESCHICHTE

Leonard Kahlcke und Heiner Blum, Labelstore (mit Fotos von Nadine Fraczkowski), 2005, Making of, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2026, Photo: Heiner Blum


SUBKULTUR IN FRANKFURT RHEIN MAIN

Der Begriff Hidden History, also verborgene Geschichte, bezeichnet jene Aspekte, die oft übersehen, verdrängt oder abseits der offiziellen Geschichtsschreibung stehen. Der Frankfurter Kunstverein öffnet für diese Perspektiven einen Raum und richtet den Blick auf lokale Subkulturen: Künstlerinnen und Künstler, die Frankfurts Kultur- und Kunstszene geprägt haben, aber in Museen und in den White Cubes der Galerien nicht stattfinden.

Mit der vierwöchigen Ausstellung Hidden History – Facetten der Subkultur in Frankfurt Rhein Main lädt der Frankfurter Kunstverein das Diamant Museum für Urbane Kultur aus Offenbach ins Steinerne Haus am Römerberg ein. In enger Zusammenarbeit entsteht eine Kooperation, die sich nicht nur als Ausstellung versteht, sondern als offenes Format mit Aktionen, Aktivierungen und vielfältigen Andockpunkten. Denn Hidden History ist mehr als eine klassische Präsentation. Gezeigt werden vielschichtige Räume, die historische und aktuelle subkulturelle Praktiken sichtbar machen. Installationen, aktivierbare Settings, visuelle Wandzeitungen, kollaborative Zeichnungen, Tape Art, Performances und Videoinstallationen greifen ineinander und schaffen ein dynamisches Gefüge. Über die Dauer von vier Wochen verwandelt sich der Frankfurter Kunstverein in ein lebendiges Archiv urbaner Kultur auf der Suche nach der Geschichte der Zukunft.

Um diese Inhalte einem breiten Publikum zugänglich zu machen, hat der Frankfurter Kunstverein für die Dauer der Ausstellung einen reduzierten Eintritt von 5 Euro pro alle Besuch ermöglicht.

Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung sind Annette Gloser (feat. Silke Thoss), Die Schmiere, Hannibal Tarkan Daldaban, Heiner Blum, Honji Wang, Labelstore, Leonard Kahlcke, Oguz Sen, Rushy Diamond und Schwarzi. Der Frankfurter Kunstverein hat den Konzeptkünstler Heiner Blum eingeladen, die Ausstellung Hidden History gemeinsam umzusetzen. Heiner Blum ist Initiator des „Diamant / Museum für Urbane Kultur“ und war bis September 2025 Professor für Experimentelle Raumkonzepte an der HfG in Offenbach.


Annette Gloser feat. Silke Thoss, Sierretta Nevada, 2026, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2026, Photographer: Heiner Blum


HEINER BLUM

Im ersten Obergeschoss widmet sich Hidden History Heiner Blum und seinen Arbeiten im öffentlichen Raum. Seit den 1970er Jahren entwickelt der Künstler Interventionen, die sich bewusst außerhalb institutioneller Kontexte bewegen. Seine Praxis ist eng mit der Stadt verknüpft und versteht den urbanen Raum als Ort künstlerischer Handlung.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die fotografische Dokumentation seiner Projekte von 1974 bis heute. In einer dichten Wandcollage werden diese Arbeiten zusammengeführt und als fortlaufende Spur lesbar gemacht. Sie zeigen Eingriffe, die oft beiläufig erscheinen und gerade dadurch ihre Wirkung entfalten. Ob temporäre Installationen, platzierte Objekte oder konzeptuelle Setzungen, Blums Arbeiten reagieren direkt auf ihre Umgebung und auf die Dynamiken des Alltags.

Immer wieder greift er dabei auf vertraute Formen und Materialien zurück. Projekte wie der Labelstore aus den späten 1990er Jahren hinterfragen spielerisch Konsum und Markenlogik, während spätere Arbeiten den öffentlichen Raum selbst adressieren. Schilder, Objekte oder scheinbar nebensächliche Interventionen fordern zur Mitverantwortung auf und verschieben die Wahrnehmung des Gewohnten.

Was sich durch all diese Arbeiten zieht ist die Frage: Wie wird öffentlicher Raum genutzt, gestaltet und angeeignet? Heiner Blums versteht seine künstlerische Praxis dabei weniger als abgeschlossenes Werk denn als fortlaufender Prozess, der sich über Jahrzehnte hinweg im Stadtraum eingeschrieben hat.

Der Frankfurter Kunstverein hat Heiner Blum als Initiator des „Diamant / Museum für Urbane Kultur“ eingeladen, die Ausstellung Hidden History gemeinsam umzusetzen. Heiner Blum ist Initiator des „Diamant / Museum für Urbane Kultur“ und war bis September 2025 Professor für Experimentelle Raumkonzepte an der HfG in Offenbach.


Heiner Blum, Metro, 2002, Photo: Heiner Blum


RUSHY DIAMOND

Über alle Etagen hinweg zieht sich die ortsspezifische Tape-Arbeit von Rushy Diamond durch das Gebäude. Unter dem Titel Tape Modern entwickelt er ein grafisches System aus weißen und neonfarbenen Klebebändern, das sich wie ein visuelles Leitsystem durch den Frankfurter Kunstverein bewegt. Ausgehend vom urbanen Raum greift Rushy Diamond auf die Ästhetik von Straßenmarkierungen zurück. Linien, Verzweigungen und Knotenpunkte verbinden die einzelnen Räume miteinander und schaffen eine Struktur, die an organische Netzwerke oder digitale Schaltkreise erinnert. Die Arbeit durchzieht das Haus vom Keller bis ins Obergeschoss und verknüpft Werke, Ebenen und Perspektiven zu einem zusammenhängenden Gefüge. Seine Tape Art erinnert an eine Baumstruktur oder die Hauptplatine eines Computers, die alles mit einander verbindet.

Rushy Diamonds künstlerische Praxis ist eng mit Frankfurt verbunden. Aufgewachsen rund um Hauptwache und Zeil, wurde er durch Interventionen im öffentlichen Raum bekannt. Immer wieder nutzt er vorhandene Strukturen, um sie sichtbar zu machen oder neu zu ordnen. So entstehen Arbeiten, die nicht nur Orte markieren, sondern auch deren Nutzung hinterfragen. Der Künstler sieht den öffentlichen Raum als gemeinschaftlich genutzte Fläche. Durch seine minimalen Eingriffe entstehen Situationen, die uns zur Auseinandersetzung einladen und unseren Blick auf das Vertraute verschieben.


Rushy Diamond, Linienspiele, 2022, Photo: Heiner Blum

Rushy Diamond, Tape modern art, 2026, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2026, © Frankfurter Kunstverein

Rushy Diamond, Tape modern art, 2026, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2026, © Frankfurter Kunstverein


OGUZ SEN UND HONJI WANG

Der letzte Raum des Ausstellungsparcours ist Oguz Sen und Honji Wang gewidmet. Gemeinsam entwickeln sie mit La La Land – Aufhören anzufangen eine partizipative Arbeit zwischen Zeichnung und Performance. Der Raum versteht sich als offenes System, das sich über die Dauer der Ausstellung hinweg verändert. Im Zentrum steht eine großformatige Wandarbeit, die schrittweise von unterschiedlichen Gruppen entwickelt wird. Beteiligt sind unter anderem Menschen mit Suchterfahrungen, Wohnungslose, Menschen mit Migrationserfahrung sowie Kinder und Jugendliche aus betreuten Kontexten. Jede Gruppe greift auf, was bereits vorhanden ist. Ergänzt, überlagert oder führt Linien weiter. So entsteht ein kollektives Bild, das keinen festen Abschluss kennt und sich kontinuierlich fortschreibt.

Parallel dazu wird der Raum im Frankfurter Kunstverein performativ aktiviert. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Rudolf Koch Schule Offenbach sowie den Tänzern Caterina Politi und Marco Di Nardo entwickelt sich eine Choreografie ohne festgelegte Form. Bewegung entsteht aus der Situation heraus, aus Begegnung und Präsenz. Handlung und Stillstand, Entscheidung und Offenheit stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Arbeit macht künstlerische Produktion als gemeinschaftlichen Prozess erfahrbar. Sie schafft einen temporären Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und sich gegenseitig beeinflussen.

Die Praxis von Oguz Sen ist eng mit dem öffentlichen Raum verbunden. Seine Wandmalereien greifen gesellschaftliche Themen auf und setzen sichtbare Zeichen im Stadtraum. Auch Honji Wang arbeitet aus einer gelebten Erfahrung heraus. Ihre choreografische Praxis ist geprägt von der Hip-Hop-Kultur und entwickelt sich jenseits klassischer institutioneller Strukturen. Bewegung wird bei ihr zu einer Form von Ausdruck und Erinnerung.

Die Performance ist zur Ausstellungseröffnung am 17. April 2026 um 19 und 21 Uhr zu erleben. Eine weitere Aufführung findet am 18. April 2026 um 19 Uhr statt. Darüber hinaus wird die Arbeit als Videodokumentation im Raum präsent bleiben.


Oguz Sen, Walshow, 2023, Photo: Heiner Blum

Honji Wang, 2015, Photo: Heiner Blum

Oguz Sen und Honji Wang, La La Land – Aufhören anzufangen (Performance mit Schüler:innen der Rudolf Koch Schule und den Tänzer:innen Caterina Politi und Marco di Nardo), 2026, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2026, ©Alex Kraus für Oguz Sen

Oguz Sen und Honji Wang, La La Land – Aufhören anzufangen (Performance mit Schüler:innen der Rudolf Koch Schule und den Tänzer:innen Caterina Politi und Marco di Nardo), 2026, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2026, ©Alex Kraus für Oguz Sen


 
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