ICH WAR NOCH NIE IN EINER GALERIE…

Frankfurt Art Experience. Das Frankfurter Galerienwochenende 2026. Foto: Urban Media Project

AUF GEFÜHRTEN TOUREN DURCH DIE STADT

Es ist Sonntagnachmittag. Ich stehe mit meinen Gästen in der Galerie Heike Strelow in der Langen Straße und begrüße die Gruppe zu unserer Führung durch die Frankfurter Galerien. Dann stelle ich meine Lieblingsfrage: Wer von Ihnen ist heute zum ersten Mal in einer Galerie? Die Hälfte der Hände geht nach oben. Mein liebster Moment der Führung.

Denn genau darum geht es mir: die erste Schwelle zu überwinden. Die Scheu vor den weißen Räumen, vor der Kunst und vielleicht auch vor den Galeristinnen und Galeristen zu nehmen. Zu zeigen, dass eine Galerie kein exklusiver Ort sein muss, sondern ein Raum, in dem man Fragen stellen, entdecken und auch einfach sagen darf: Das gefällt mir. Oder eben nicht.

Beim Open Sunday öffnen die Galerien Frankfurt Mitte regelmäßig an ausgewählten Sonntagen ihre Türen und laden zu einem entspannten Spaziergang durch das Frankfurter Altstadtviertel ein. An diesem Sonntag nehme ich meine Gäste mit in drei Galerien. Wir sprechen darüber, wie der Alltag in einer Galerie aussieht, wie Künstlerinnen und Künstler mit Galerien zusammenarbeiten und wie die Preise für Kunstwerke entstehen. Vor allem aber geht es ums Schauen und ums Fragen. Was macht eigentlich eine Galerie? Warum hängt dieses Werk hier? Wie entscheidet sich, was eine Galerie zeigt? Und was kostet so ein Kunstwerk überhaupt?

Es braucht manchmal diesen geschützten Rahmen, den eine Führung schaffen kann, damit solche Fragen ganz selbstverständlich werden. Einen Raum, in dem man gemeinsam über Kunst sprechen kann, ohne das Gefühl zu haben, bereits alles wissen zu müssen. Denn oft beginnt der Zugang zur Kunst in dem Moment, in dem man sich traut, eine ganz einfache Frage zu stellen.


DIE ART WALKS DER FRANKFURT ART EXPERIENCE

Und genau darum geht es auch bei den Art Walks der Frankfurt Art Experience. Am ersten Septemberwochenende öffnen rund 50 Ausstellungen gleichzeitig in der ganzen Stadt ihre Türen. Galerien, Off Spaces und Stiftungen laden dazu ein, zeitgenössische Kunst zu entdecken und Frankfurt aus einer anderen Perspektive kennenzulernen.

Als Teil des Teams aus Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittlern bin ich bei den Art Walks dabei und nehme dich mit auf eine Entdeckungsreise durch die Frankfurter Kunstszene. In insgesamt 30 geführten Rundgängen auf Deutsch und Englisch geht es durch die Altstadt und Innenstadt, nach Sachsenhausen, ins Westend und ins Bahnhofsviertel. 90 Minuten lang besuchen wir Galerien und aktuelle Ausstellungen, treffen auf etablierte Positionen und entdecken Kunst, die sich vielleicht erst auf den zweiten Blick zeigt.

Dabei geht es nicht nur um die Werke selbst. Wir sprechen über Künstlerinnen und Künstler, über die Orte und ihre Geschichte und darüber, was zeitgenössische Kunst eigentlich mit der Stadt zu tun hat.

So verbinden die Art Walks Kunstvermittlung mit einem Spaziergang durch Frankfurt. Zwischen Galerien, Ausstellungsräumen und Kunst im öffentlichen Raum entstehen Verbindungen, die man allein vielleicht übersehen hätte.

Frankfurt Art Experience. Das Frankfurter Galerienwochenende 2026. Foto: Urban Media Project


NATURKUNST, INSTALLATIONEN & SKULPTUR

Bei der ersten Station machen wir Halt bei Schlieder Contemporary und beginnen mit einer Kunst, die aus der Natur selbst entsteht. Die niederländische Künstlerin Hilde Trip arbeitet mit Pusteblumen, Blättern, Samen, Federn und anderen organischen Materialien, die sie sammelt, trocknet und konserviert. Anschließend ordnet sie die fragilen Fundstücke zu präzisen, beinahe geometrischen Kompositionen. Aus etwas Vergänglichem entsteht so etwas Dauerhaftes. Ihre Arbeiten erinnern an die Tradition des niederländischen Stilllebens, doch Trip malt die Natur nicht. Sie macht sie selbst zum Material ihrer Kunst. Der Titel Fragile Permanence beschreibt dabei sehr schön die Spannung ihrer Arbeiten: zwischen Zerbrechlichkeit und Dauer, Natur und Ordnung.

Nur wenige Schritte weiter, in der Galerie Hanna Bekker vom Rath verlassen wir die Natur und wenden uns der Kunst selbst zu. Wolfgang Oppermann, der von 1937 bis 2001 lebte und lange an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg lehrte, beschäftigte sich seit den 1970er Jahren mit den Begriffen, Codes und Ritualen des Kunstbetriebs. Aus diesen Beobachtungen entwickelte er reduzierte Bildzeichen, die auf den ersten Blick beinahe selbstverständlich wirken. Erst beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass Oppermann die Sprache der Kunst selbst untersucht. Seine Arbeiten sind präzise, zugleich aber spielerisch und ironisch. Er nimmt den Kunstbetrieb unter die Lupe und macht seine Regeln und Gewohnheiten zum Gegenstand der Kunst.

Die Künstlerin Birgitta Weimer entführt uns in der Galerie Maurer in das APHOTAL, in den lichtlosen Bereich unserer Ozeane, in eine Welt, die sich unserem direkten Blick entzieht. Die Künstlerin beschäftigt sich seit Jahren mit den ökologischen Veränderungen, die der Mensch verursacht. Im Zentrum stehen zwei Werkkomplexe: In Morphologie des Schmelzens erinnern transparente, blau schimmernde Objekte an Landschaften aus Eis und Wasser. Im abgedunkelten Raum begegnen wir mit Deep Sea dagegen der Tiefsee. Quallenartige Formen und abstrahierte Organismen verweisen auf eine Welt, die wir kaum sehen und deren Ökosysteme gleichzeitig massiv bedroht sind.

Allen drei Positionen liegt die Frage zu Grunde, wie wir unsere Umwelt betrachten, auf sie Einfluss nehmen und was passiert, wenn wir genauer hinschauen.


Hilde Trip, Wishful Thinking, 2026, Foto: Schlieder Contemporary

Birgitta Weimer, APHOTAL, Foto: Galerie Maurer


MALEREI & DRUCKTECHNIKEN

Wir beginnen mit Hendrik Zimmer in der Galerie Heike Strelow und einer Ausstellung, welche die Grenzen der Malerei verschiebt. Unter dem Titel Common Disposition zeigt der Frankfurter Künstler Arbeiten, die mit unterschiedlichen Materialien und Verfahren entstehen. Was sie verbindet, ist weniger eine bestimmte Technik als vielmehr eine gemeinsame künstlerische Haltung. Hendrik Zimmer interessiert sich dafür, wie sich Malerei aus ihrer klassischen Form lösen kann. Farbe, Material und Oberfläche werden nicht einfach auf eine Leinwand gebracht, sondern treten in ein Wechselspiel miteinander. So entstehen Arbeiten, die zwischen Bild, Objekt und Skulptur stehen und unsere Vorstellung davon erweitern, was Malerei eigentlich sein kann.

Bei Giovanni Frangi in der Galerie Raphael wird der Blick anschließend konkreter auf die Druckgrafik gelenkt. DU 2025–2026 versammelt eine neue Werkgruppe aus Monotypien, Gemälden und Druckgraphiken, die erstmals öffentlich gezeigt wird. Besonders spannend ist die Serie Journey. Frangi greift darin Motive auf, die sich durch sein Werk ziehen: Wälder, Seerosen, Meereslandschaften, Blätter und alpine Schutzhütten. Die Arbeiten entstehen als Aquatinta-Radierungen auf Zink. Doch damit ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Anschließend überarbeitet Frangi jedes Blatt von Hand mit leuchtenden oder matten Farbakzenten. Aus eigentlich seriell reproduzierbaren Drucken werden so individuelle Unikate.

Von der individuellen künstlerischen Handschrift wechseln wir bei Exophony im Off Space komet k zu einer Ausstellung, die Kunst als Austausch versteht. Eun-Joo Shin, Isabel Friedrich, Tatiana Urban, Christina Kral und E. M. C. Collard beschäftigen sich mit der Frage, wie historische Teilungen in Deutschland und Südkorea bis heute nachwirken und künstlerische Biografien prägen. Im Zentrum steht die koreanische Künstlerin Eun-Joo Shin, die seit drei Jahrzehnten in Deutschland lebt und arbeitet. Ihre Biografie wird zum Ausgangspunkt für das interkulturelle Projekt TWOFOLD, in dem unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen zusammenkommen. Die beteiligten Künstlerinnen sind Mitglieder des Frankfurter Vereins FRANK*, einem Netzwerk selbstständig arbeitender Künstlerinnen.

Zum Abschluss werden wir Teil eines Papierobjekts in der Heussenstamm Stiftung. Die Künstlerin Katrin Paul arbeitet mit Papier, löst es aus seiner klassischen Funktion als Bildträger und lässt es den Raum erobern. In ihren raumgreifenden Installationen wird das Papier gestaucht, gedehnt, gedrückt oder gedreht. Aus der flachen Fläche entsteht Volumen. Für Innendrindrumherum geht Paul noch einen Schritt weiter: Das Material selbst wird in Bewegung versetzt. Sie entwickelt eine fragile Konstruktion entwickelt sich aus Wicklungen und Bewegungen und verändert damit auch unsere Wahrnehmung des Ausstellungsraums.

Vier Stationen, vier sehr unterschiedliche Zugänge zum Bild: Malerei wird zum Objekt, Druck wird zum Unikat, Kunst wird zum gemeinsamen Prozess und Papier wird zum Raum. Was sie miteinander verbindet, ist die Frage, was passiert, wenn wir ein Bild nicht mehr nur als Bild betrachten, sondern als einen Prozess, ein Material oder einen Raum, der sich ständig verändert.

Hendrik Zimmer, Pani Puna, 2026, Foto Galerie Heike Strelow


Frankfurt Art Experience, Foto: Urban Media Project

Frankfurt Art Experience, Foto: Urban Media Project


 
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